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| Marc Heiland | PC-Games

Gothic1Bild1Manche Spiele sind mehr als nur ein Zeitvertreib. Sie sind Erinnerungen, Emotionen und ein Stück Gaming-Geschichte. Für viele Rollenspielfans gehört Gothic genau in diese Kategorie. Mehr als 25 Jahre nach dem Original wagt sich Alkimia Interactive an die Neuauflage eines der wohl wichtigsten deutschen Rollenspiele überhaupt. Die große Frage lautet dabei natürlich: Kann das Gothic 1 Remake die Magie des Originals einfangen, ohne sich in moderner Beliebigkeit zu verlieren?

Nach vielen Stunden in der Kolonie lässt sich diese Frage erstaunlich klar beantworten: Ja, das kann es. Und zwar besser, als viele Fans vermutlich zu hoffen gewagt hätten.

Schon nach den ersten Minuten fühlt sich alles vertraut an. Der namenlose Held wird wie einst in die magische Barriere geworfen, erhält seinen berühmten Brief für die Feuermagier und findet sich mitten in einer rauen, gnadenlosen Welt wieder, in der Freundlichkeit eher die Ausnahme als die Regel ist. Das Alte Lager, das Neue Lager und das Sumpflager stehen sich weiterhin gegenüber, verfolgen ihre eigenen Ziele und ziehen den Spieler tief in die politischen Machtkämpfe der Kolonie hinein.

Dabei bleibt das Remake der Vorlage erstaunlich treu. Die Handlung wurde nahezu unverändert übernommen und auch viele Dialoge wirken wie eine direkte Liebeserklärung an das Original. Wer damals mit Diego, Gorn, Lester und Milten Abenteuer erlebt hat, wird sich sofort wieder zuhause fühlen. Gleichzeitig sorgt die moderne Präsentation dafür, dass die Welt lebendiger wirkt als jemals zuvor.

Besonders beeindruckend ist die grafische Umsetzung. Die Unreal Engine 5 zaubert eine Kolonie auf den Bildschirm, die gleichzeitig vertraut und völlig neu erscheint. Dichte Wälder, zerklüftete Felsenlandschaften, verlassene Ruinen und die markanten Lager wurden mit viel Liebe zum Detail umgesetzt. Oft reicht ein kurzer Blick in die Umgebung und man weiß sofort, wo man sich befindet. Dieses Gefühl einer einzigartigen, glaubwürdigen Spielwelt war schon damals eine der größten Stärken von Gothic und funktioniert heute genauso gut wie vor einem Vierteljahrhundert.

Dazu kommt der fantastische Soundtrack von Kai Rosenkranz. Bekannte Melodien treffen auf neue Kompositionen und sorgen dafür, dass man sich jederzeit mitten in der Welt von Gothic fühlt. Wer die Musik des Originals liebt, wird hier mehrfach Gänsehaut bekommen.

Doch ein schönes Bild allein macht noch kein gutes Rollenspiel. Entscheidend ist, ob sich Gothic auch wie Gothic anfühlt. Und genau hier gelingt dem Remake die vielleicht größte Überraschung.

Gothic1Bild2Die Kolonie ist weiterhin ein gefährlicher Ort. Zu Beginn ist der Held ein Niemand. Selbst harmlose Scavenger können zur tödlichen Bedrohung werden und ein unvorsichtiger Ausflug in den Wald endet oft schneller als geplant. Das Spiel verzichtet bewusst auf viele moderne Komfortfunktionen. Questmarker sucht man vergeblich. Stattdessen muss man zuhören, Hinweise lesen und sich selbst orientieren. Das klingt zunächst altmodisch, sorgt aber genau für jene besondere Immersion, die das Original so einzigartig gemacht hat.

Jeder kleine Fortschritt fühlt sich dadurch bedeutend an. Die erste bessere Rüstung, die ersten erlernten Kampffähigkeiten oder die Aufnahme in eines der Lager vermitteln ein Gefühl von Entwicklung, das viele moderne Rollenspiele kaum noch erreichen. Aus einem hilflosen Sträfling wird nach und nach ein echter Kämpfer, und genau dieser Aufstieg macht einen großen Teil der Faszination aus.

Natürlich wurden auch einige Systeme modernisiert. Das Kampfsystem orientiert sich weiterhin stark am Original, erweitert dieses aber sinnvoll. Kämpfe verlangen Timing, Aufmerksamkeit und taktisches Vorgehen. Einfaches Button-Mashing führt meist direkt ins Grab. Neue Bewegungsmöglichkeiten, zusätzliche Angriffsrichtungen und verbesserte Fernkampfmechaniken sorgen dafür, dass sich die Kämpfe deutlich zeitgemäßer anfühlen, ohne ihren charakteristischen Gothic-Charme zu verlieren.

Auch andere Bereiche wurden überarbeitet. Das Handelssystem ist deutlich komfortabler geworden, das Questlog wurde sinnvoll erweitert und ein Glossar hilft Neueinsteigern dabei, den Überblick über die vielen Charaktere und Orte zu behalten. Gleichzeitig bleibt der Kern des Spiels unangetastet. Gothic möchte nicht jedem gefallen. Es fordert den Spieler heraus und verlangt Aufmerksamkeit. Genau deshalb funktioniert es auch heute noch so gut.

Besonders gelungen sind die kleinen Erweiterungen der Spielwelt. Einige Figuren, die im Original eher Statisten waren, erhalten nun eigene Geschichten und Quests. Gerade die wenigen weiblichen Charaktere der Kolonie profitieren davon erheblich. Diese Ergänzungen wirken niemals aufgesetzt, sondern fügen sich nahtlos in die bestehende Welt ein.

Gothic1Bild3Ganz ohne Kritik kommt das Remake allerdings nicht davon. Während der Testphase traten immer wieder technische Probleme auf. NPCs liefen gelegentlich gegen Wände, Wegfindungsfehler sorgten für seltsame Situationen und vereinzelt blieb der Held in der Umgebung hängen. Zwar bewegten sich diese Bugs nie im Bereich echter Spielblocker, dennoch trüben sie den ansonsten hervorragenden Gesamteindruck etwas.

Auch die Performance zeigt sich nicht immer perfekt. Auf leistungsstarker Hardware läuft das Spiel zwar größtenteils flüssig, besonders in dicht bewachsenen Gebieten oder im Sumpflager kann die Framerate jedoch spürbar nachgeben.

Ein weiterer Kritikpunkt betrifft ausgerechnet die enorme Werktreue. So sehr Fans die Nähe zum Original schätzen werden, so sehr verschenkt das Remake auch einige Chancen. Die Geschichte wurde nahezu unverändert übernommen und damit bleiben auch einige ihrer Schwächen bestehen. Der namenlose Held besitzt weiterhin kaum eigene Motivation und manche Figuren hätten durchaus mehr Tiefgang vertragen können. Hier wäre etwas mehr Mut zur Erweiterung der Vorlage wünschenswert gewesen.

Doch am Ende sind das eher kleine Schönheitsfehler in einem insgesamt beeindruckenden Gesamtwerk. Das Gothic 1 Remake schafft etwas, das vielen Neuauflagen misslingt: Es bewahrt die Seele des Originals. Die Kolonie fühlt sich genauso gefährlich, faszinierend und lebendig an wie damals. Jeder Erfolg muss verdient werden, jede neue Entdeckung motiviert zum Weiterspielen und jede Stunde in dieser Welt macht Lust auf die nächste.

9Für langjährige Fans ist das Remake ein Fest voller Nostalgie. Für Neulinge bietet es die seltene Gelegenheit, einen der größten Rollenspielklassiker aller Zeiten in zeitgemäßer Form zu erleben. Wer bereit ist, sich auf die raue Spielphilosophie einzulassen, erhält eines der atmosphärischsten Rollenspielerlebnisse der letzten Jahre.

Das Gothic 1 Remake ist nicht perfekt. Aber genau wie das Original besitzt es Ecken, Kanten und Charakter. Und vielleicht macht gerade das seinen besonderen Reiz aus. Die Rückkehr in die Kolonie ist ein Abenteuer, das man als Rollenspielfan nicht verpassen sollte.

 

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