Zum Hauptinhalt springen
| Marc Heiland | PC-Games

nag demo 01 1Es gibt Spiele, die einen allein durch ihren Stil sofort in den Bann ziehen. Gerade Titel, die sich optisch an realen Bastel- oder Kunsttechniken orientieren, besitzen oft eine ganz besondere Atmosphäre. Genau diesen Eindruck vermittelte auch Origament: A Paper Adventure bereits mit seinen ersten Trailern. Das Puzzle-Platforming-Abenteuer von Space Sauce Studio setzt auf eine Welt aus Papier, Origami-Elementen und märchenhafter Inszenierung – und weckt damit unweigerlich Erinnerungen an kreative Genre-Highlights wie Tearaway Unfolded oder Yoshi's Crafted World. Doch hinter der charmanten Fassade verbirgt sich kein revolutionäres Meisterwerk, sondern vielmehr ein angenehm entschleunigtes Abenteuer mit einigen Stärken, aber auch klar erkennbaren Schwächen.

Zwischen Origami-Fantasie und klassischem Unreal-Look

Der erste Eindruck von Origament ist ohne Frage gelungen. Das Spiel präsentiert sich mit einer liebevoll gestalteten Papierästhetik, die sofort neugierig macht. Die Hauptfigur – ein magischer Brief – kann sich in verschiedene Formen verwandeln: eine Papierkugel, ein Flugzeug, ein Boot und einen Shuriken-Stern. Begleitet wird man dabei von einer geheimnisvollen weißen Papierkatze, die als stiller Wegweiser durch die Spielwelt fungiert.

Allerdings wird schnell deutlich, dass Origament optisch nicht konsequent den Origami-Gedanken verfolgt. Zwar basiert die Spielfigur auf Papier und einige Sammelobjekte greifen das Thema auf, viele Umgebungen wirken jedoch eher wie klassische Unreal-Engine-Welten mit vereinzelten Bastel-Elementen. Das bedeutet keineswegs, dass das Spiel schlecht aussieht – im Gegenteil: Die einzelnen Levels besitzen viel Atmosphäre und unterscheiden sich stark voneinander. Von Western-Kulissen über venezianisch inspirierte Schauplätze bis hin zu futuristischen Cyber-Welten oder winterlichen Weihnachtslandschaften bietet das Abenteuer eine erfreuliche Vielfalt. Dennoch entsteht nie vollständig das Gefühl, tatsächlich durch eine komplett aus Papier erschaffene Welt zu reisen.

Besonders gelungen sind die Übergänge innerhalb der Levels. Zwischensequenzen gehen nahezu nahtlos in das Gameplay über und sorgen für einen angenehmen Spielfluss. Außerhalb der Spielabschnitte setzt Origament dagegen auf statische Illustrationen mit Texteinblendungen. Diese sehen zwar hübsch aus, wirken im Vergleich zur eigentlichen Spielgrafik aber deutlich simpler.

Entspannter Platformer mit cleverem Bewegungsfluss

Das eigentliche Herzstück von Origament ist jedoch eindeutig das Gameplay. Hier entfaltet das Spiel seine größten Qualitäten. Die unterschiedlichen Papierformen sind clever in die Level integriert und sorgen für einen angenehm dynamischen Spielfluss. Als Kugel rollt man durch die Umgebung und baut Geschwindigkeit auf, das Flugzeug ermöglicht elegante Gleitpassagen, das Boot eröffnet Wasserwege und der Shuriken dient sowohl zum Aktivieren bestimmter Mechaniken als auch zum Zerstören von Hindernissen. Besonders gelungen ist dabei, wie flüssig die Wechsel zwischen den Formen funktionieren. Viele Passagen verlangen präzises Timing und ein gutes Gefühl für Momentum. Oft kombiniert man mehrere Verwandlungen innerhalb weniger Sekunden, um größere Sprünge zu meistern oder knifflige Plattform-Passagen zu überwinden. Trotz der simplen Grundmechanik fühlt sich die Steuerung angenehm direkt an.

Die Rätsel selbst bleiben meist überschaubar, sind aber abwechslungsreich genug, um das Abenteuer interessant zu halten. Hinzu kommen optionale Zeit-Challenges und zahlreiche versteckte Sammelobjekte, die zusätzliche Motivation bieten. Gerade die optionalen Herausforderungen sorgen stellenweise für überraschend anspruchsvolle Momente, ohne jemals unfair schwer zu werden. Einige Designentscheidungen sorgen allerdings für Frust. Wer Sammelobjekte verpasst, muss oft komplette Levels erneut spielen, da ein Zurückgehen in vielen Abschnitten nicht möglich ist. Besonders ärgerlich wird es, wenn bestimmte Münzen durch Zeitlimits verloren gehen können. Solche Momente wirken unnötig bestrafend und bremsen den ansonsten entspannten Spielfluss spürbar aus.

Atmosphäre statt großer Handlung

Narrativ bleibt Origament eher zurückhaltend. Die grundlegende Idee ist durchaus charmant: Ein Brief eines kleinen Jungen an den Weihnachtsmann geht verloren und macht sich auf eine magische Reise durch verschiedene Welten. Das Problem ist jedoch, dass diese Rahmenhandlung nur selten wirklich mit den einzelnen Levels verbunden wird. Jede Welt erzählt ihre eigene kleine Geschichte, meist über versteckte Botschaften oder kurze Textsequenzen. Dadurch fehlt dem Abenteuer ein klarer roter Faden. Viele Charaktere und Schauplätze wirken eher wie lose Ideen, die nebeneinander existieren, statt Teil eines größeren Ganzen zu sein. Erst das finale Weihnachtslevel greift die Hauptgeschichte wieder stärker auf und sorgt für einen emotionaleren Abschluss. Das ist schade, denn die Grundidee hätte durchaus Potenzial für ein wesentlich stärkeres Story-Erlebnis gehabt. So bleibt die Handlung eher schmückendes Beiwerk, während Gameplay und Atmosphäre klar im Vordergrund stehen.

Ruhiger Soundtrack mit starken Highlights

Akustisch setzt Origament vor allem auf Atmosphäre statt Spektakel. Die Soundeffekte bleiben meist dezent im Hintergrund, was durchaus zur Papier-Thematik passt. Wirklich herausragend ist dagegen der Soundtrack. Jeder Abschnitt besitzt seine eigene musikalische Identität und unterstreicht das jeweilige Setting hervorragend. Während manche Level auf ruhige Ambient-Klänge setzen, liefern andere deutlich dynamischere Stücke mit Folk-, Western- oder fernöstlichen Einflüssen. Gerade dadurch wirkt die Reise angenehm abwechslungsreich. Die Musik trägt erheblich dazu bei, dass sich die unterschiedlichen Welten lebendig und eigenständig anfühlen.

Technisch überraschend sauber

Technisch präsentiert sich Origament erfreulich stabil. Das Spiel läuft flüssig, unterstützt zahlreiche Auflösungen inklusive Ultrawide-Monitore und zeigte im Test kaum ernsthafte Probleme. Abstürze oder größere Performance-Einbrüche traten praktisch nicht auf. Lediglich kleinere Macken bei der Steuerung oder vereinzelte Bugs fallen negativ auf. Manche Tastenbelegungen wirken unnötig umständlich und eine freie Anpassung der Steuerung hätte dem Spiel gutgetan. Dennoch hinterlässt der technische Zustand insgesamt einen erfreulich polierten Eindruck.

7Fazit: Origament ist kein revolutionärer Genre-Meilenstein, aber ein charmantes, angenehm entschleunigtes Puzzle-Jump’n’Run mit viel Atmosphäre. Die kreative Transformationsmechanik funktioniert hervorragend, die abwechslungsreichen Welten machen Spaß und der entspannte Spielfluss sorgt dafür, dass das Abenteuer kaum langweilig wird. Gleichzeitig verschenkt das Spiel Potenzial. Die Origami-Thematik hätte konsequenter umgesetzt werden können, die Geschichte bleibt zu oberflächlich und einige Sammelmechaniken wirken unnötig frustrierend. Auch der relativ geringe Umfang sorgt dafür, dass der ursprüngliche Verkaufspreis etwas hoch angesetzt erscheint. Wer jedoch Lust auf ein ruhiges, stilvolles Indie-Abenteuer mit kreativer Bewegungsmechanik hat, bekommt hier ein sympathisches Erlebnis, das besonders im Sale einen Blick wert ist.

Impressum - Datenschutz

Copyright 2016 © Inn-Joy.de All Rights Reserved. 

Joomla! © name is used under a limited license from Open Source Matters in the United States and other countries.