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GOP SC img kuenstler Duo Abismal 1200x800Ein Besuch im GOP Varieté-Theater Essen verspricht in der Regel hochwertige Unterhaltung, artistische Präzision und eine durchdachte Inszenierung. Mit „On Air“ wagt das Haus aktuell den Schritt in ein Konzept, das hinter die Kulissen einer Fernsehproduktion blickt – zumindest auf dem Papier eine reizvolle Idee. Der Abend, den wir dort erlebt haben, hinterlässt jedoch ein ambivalentes Gesamtbild, bei dem starke artistische Leistungen und ein weniger überzeugendes Rahmenkonzept deutlich auseinanderfallen.

Schon zu Beginn wird das Publikum in eine Szenerie versetzt, die an ein Fernsehstudio erinnert: Scheinwerfer, scheinbare Regieanweisungen und das Versprechen, live Teil einer Produktion zu sein. Die Inszenierung spielt bewusst mit dem Gedanken, dass hinter den Kulissen nicht alles reibungslos läuft – Pannen, Missverständnisse und kreative Improvisation sollen das Geschehen prägen. Dieser Ansatz hätte das Potenzial, eine spannende Metaebene zu eröffnen, in der sich Varieté und Medienkritik humorvoll verbinden. In der Praxis jedoch blieb genau dieser erzählerische Rahmen für uns überraschend blass. Das Gefühl, tatsächlich Teil einer „Live-Aufzeichnung“ zu sein, stellte sich zu keinem Zeitpunkt wirklich ein. Vielmehr wirkte das Konzept wie eine lose Klammer, die die einzelnen Darbietungen zwar formal verbindet, aber emotional kaum trägt.

Durch den Abend führte Robert Wicke, der gleichzeitig auch für Regie und Konzeption mitverantwortlich zeichnet. Seine Rolle als Moderator ist zentral angelegt: Er fungiert als Bindeglied zwischen den Acts, als Kommentator des vermeintlichen Studiogeschehens und als humoristischer Motor der Show. Allerdings traf sein Stil bei uns nur eingeschränkt den richtigen Ton. Viele Gags wirkten bemüht oder zu offensichtlich konstruiert, wodurch der Humor selten zündete. Gerade in einem Format, das von Spontaneität und Situationskomik leben möchte, ist das ein spürbares Defizit. Statt Leichtigkeit entstand stellenweise ein Gefühl von Anstrengung – als würde die Show versuchen, Witz zu erzeugen, anstatt ihn organisch entstehen zu lassen.

Ein weiterer Aspekt, der den Gesamteindruck beeinflusst hat, war die musikalische Gestaltung. Die Idee, die einzelnen Darbietungen mit einer eigenständigen, teils experimentellen Klangwelt zu unterlegen, ist grundsätzlich interessant. In der Umsetzung jedoch wirkte die Musik häufig zu dominant und stellenweise übersteuert. Gerade bei filigranen oder emotionalen Acts hätte eine subtilere Begleitung deutlich besser funktioniert. Hinzu kommt, dass die musikalische Dramaturgie nicht immer passgenau auf die jeweilige Darbietung abgestimmt schien. Dadurch gingen Momente verloren, die eigentlich von ihrer Ruhe oder ihrer Spannung hätten leben können.

GOP SC img kuenstler Duo Twins Andrei und Mykola 1200x800Was „On Air“ jedoch zweifellos auszeichnet, ist die hohe Qualität der einzelnen artistischen Darbietungen. Hier zeigt sich einmal mehr die Stärke des GOP: ein internationales Ensemble, das handwerklich und künstlerisch auf beeindruckendem Niveau agiert. Besonders hervorzuheben ist die Vielseitigkeit des Programms. Von akrobatischen Höchstleistungen über Balancekunst bis hin zu humorvollen Einlagen bietet die Show eine breite Palette, die das klassische Varieté-Publikum durchaus begeistert.

Die Kontorsionsnummer von Bianca De Moura Dornelas etwa fasziniert durch eine Kombination aus Eleganz und extremer Körperbeherrschung. Ihre Bewegungen wirken beinahe schwerelos und erzeugen eine ästhetische Dichte, die im Gedächtnis bleibt. Ebenso beeindruckend ist das Duo Abismal, das mit seiner Darbietung an der chinesischen Stange eine intensive Mischung aus Kraft, Dynamik und emotionaler Ausdrucksstärke präsentiert. Hier verschmelzen artistische Technik und theatrale Inszenierung zu einem stimmigen Gesamtbild.

Ein weiteres Highlight ist die Rolla-Rolla-Performance von Stefan Dvorak. Seine Balanceakte, bei denen er sich auf mehreren übereinandergestapelten Rollen bewegt, erzeugen eine spürbare Spannung im Zuschauerraum. Jeder kleine Wackler lässt das Publikum den Atem anhalten – ein klassischer Varieté-Moment, der genau das liefert, was man sich von dieser Kunstform erhofft.Auch die Black Eagle Brothers überzeugen mit ihrer energiegeladenen Darbietung der Ikarischen Spiele. Die Kombination aus Präzision, Tempo und scheinbar müheloser Koordination sorgt für Begeisterung. Hier zeigt sich, wie gut eingespielte Teams durch perfektes Timing und gegenseitiges Vertrauen eine mitreißende Dynamik entwickeln können.

Nicht unerwähnt bleiben sollte Jenna Böhmann, die als Newcomerin eine bemerkenswerte Bühnenpräsenz zeigt. Ihre Hula-Hoop-Performance verbindet sportliche Präzision mit einer modernen, fast tänzerischen Ästhetik. Man merkt, dass hier jemand mit viel Erfahrung und Leidenschaft den Schritt ins Rampenlicht gewagt hat – ein gelungener Kontrast zu den etablierten Acts.

Trotz dieser durchweg starken Einzelleistungen bleibt das Problem der übergeordneten Dramaturgie bestehen. Die Idee, ein Varietéprogramm als chaotische TV-Produktion zu inszenieren, wird nicht konsequent genug durchgezogen, um wirklich zu tragen. Statt eines klaren roten Fadens entsteht der Eindruck von Fragmentierung: Die Acts funktionieren hervorragend für sich, aber die verbindenden Elemente wirken oft wie ein Fremdkörper.Auch die Interaktion zwischen Musik, Moderation und Artistik hätte kohärenter gestaltet werden können. Gerade in einem Format, das sich selbst als „ungefiltert“ und „direkt“ inszeniert, erwartet man eine gewisse Authentizität und Spontaneität. Stattdessen entsteht stellenweise eine Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirkung.

Am Ende bleibt „On Air“ eine Show mit zwei Gesichtern. Auf der einen Seite steht ein hochklassiges Ensemble, das mit beeindruckenden Darbietungen glänzt und die Stärken des Varieté-Genres eindrucksvoll unter Beweis stellt. Auf der anderen Seite ein Rahmenkonzept, das hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt und insbesondere durch eine nicht ganz überzeugende Moderation sowie eine teilweise unpassende musikalische Untermalung an Wirkung verliert.Für Besucher, die vor allem die artistischen Leistungen schätzen, lohnt sich der Abend dennoch. Wer jedoch eine stringente Inszenierung und ein wirklich immersives Gesamterlebnis erwartet, könnte ähnlich zwiegespalten aus dem Theater gehen wie wir.

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