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| Marc Heiland | Kaffeewelten

nunc vs MaroIm vergangenen Jahr haben wir für euch eine der spannendsten Siebträgermaschinen, die es derzeit auf dem Markt gibt, die MARO Model 1 getestet. Die Maschine, die sich sowohl an diejenigen wendet, die im „Coffee Game“ neu sind, als auch an die, die sich schon ein wenig auskennen, und hier und da ein wenig an verschiedenen Stellschrauben drehen wollen, bis hin zu Profis, die komplette Freiheiten genießen wollen, Profile selbst erstellen möchten und eine Maschine suchen, die dank der verbauten Technik sowohl stromsparend als auch aufgrund ihrer verbauten Materialen extrem langlebig ist und sich damit von allem, was der Markt der Siebträgermaschine bis dahin zu bieten hatte, grundlegend unterscheidet. Und auch in Sachen Bedienung über ein großes Touchdisplay erinnert die Model 1 eher an ein überdimensionales Tablet, als an einen klassischen Siebträger mit Hebeln, Drehreglern etc.

Parallel zur Model 1 wurde in Konstanz am Bodensee ein weiteres System entwickelt, welches die Kaffeewelt überraschen und die Herstellung von Espresso neu denken sollte: die nunc. Und so grundverschieden der Ansatz auch ist – während die MARO Model 1 eine weit gefächerte Zielgruppe bedient, stellt nunc. die Einsteiger eindeutig in den Fokus – in einem Bereich ähneln sich beide Systeme: dem Einsatz starker Software. Diese dient bei beiden Systemen dazu, Shots zu optimieren, an die Umgebung anzupassen, den Mahlgrad zu perfektionieren, um so den perfekten Espresso zu bieten.

Auch wenn man bei der nunc. Espressomaschine als Nutzer die Möglichkeit hat, auch manuelle Vorgaben festlegen zu können, setzt man in erster Linie darauf, den gesamten Prozess (bis auf das Tampen) zu automatisieren und den Nutzer konsequent zu entlasten. Die MARO Model 1 hingegen geht den entgegengesetzten Weg und liefert ein Werkzeug, das maximale Kontrolle ermöglicht und Espresso zur präzisen Handwerkskunst erhebt. Beide versprechen außergewöhnliche Ergebnisse, beide brechen mit klassischen Konzepten – und beide werfen die Frage auf, wie viel Technik ein perfekter Espresso wirklich braucht.

Der Einstieg: Zwischen Frustvermeidung und Lernkurve

Wer sich heute eine klassische Siebträgermaschine anschafft, kauft nicht nur ein Gerät, sondern ein Hobby. Die Lernkurve ist steil, Fehler sind vorprogrammiert, und bis sich ein reproduzierbar guter Espresso einstellt, vergeht oft mehr Zeit als gedacht. Genau dieses Problem adressiert die nunc. mit bemerkenswerter Konsequenz. Ihr Konzept basiert darauf, die typischen Hürden gar nicht erst entstehen zu lassen. Statt den Nutzer mit unzähligen Variablen zu konfrontieren, übernimmt das System die Kontrolle und führt Schritt für Schritt durch den gesamten Prozess, nicht zuletzt dank des nahezu perfekten Zusammenspiels aus mitgelieferter Mühle und Maschine.

Die MARO Model 1 verfolgt einen anderen Ansatz. Sie nimmt dem Nutzer nichts ab, sondern gibt ihm im Gegenteil noch mehr Möglichkeiten an die Hand. Dabei wird jedoch nicht einfach nur Komplexität hinzugefügt, sondern strukturiert aufbereitet. Selbst Einsteiger werden nicht allein gelassen, sondern können sich über geführte Modi langsam an die Materie herantasten. Dennoch bleibt klar: Wer sich für die MARO entscheidet, entscheidet sich bewusst für einen Lernprozess.

nunc.: Das intelligente System denkt für dich

Im Kern versteht sich die nunc. nicht als klassische Kombination aus Mühle und Maschine, sondern als miteinander kommunizierendes Ökosystem. Alle Komponenten sind miteinander vernetzt und tauschen kontinuierlich Informationen aus. Bohnen, Mühle und Brühvorgang werden nicht separat betrachtet, sondern als Einheit gedacht. Das beginnt bereits bei den Bohnen selbst. Diese kommen in speziell vorbereiteten Behältern, die über integrierte Chips verfügen und der Maschine mitteilen, um welche Röstung es sich handelt, wann sie produziert wurde und welche Parameter optimal sind.

Auf dieser Basis berechnet ein Algorithmus automatisch die passenden Einstellungen. Mahlgrad, Dosis, Temperatur und Druck werden dynamisch angepasst, ohne dass der Nutzer eingreifen muss. Selbst äußere Einflüsse wie Luftfeuchtigkeit oder Temperatur werden berücksichtigt. In der Praxis führt das zu einem Workflow, der nahezu narrensicher ist. Der Siebträger wird eingesetzt, der Mahlvorgang startet automatisch, die richtige Menge wird dosiert und anschließend direkt verarbeitet. Fehlerquellen werden konsequent minimiert. Besonders beeindruckend ist dabei die Fähigkeit des Systems, sich anzupassen. Während klassische Setups nach einem Bohnenwechsel oft mehrere Bezüge benötigen, bis das Ergebnis stimmt, liefert die nunc. bereits beim nächsten Shot ein erstaunlich stabiles Ergebnis. Mit zunehmender Nutzung verbessert sich die Abstimmung weiter, da das System kontinuierlich dazulernt. Auch eigene Bohnen lassen sich mittlerweile integrieren, wobei die Maschine zunächst eine Art Kalibrierung durchführt, um sich auf die neue Röstung einzustellen. Allerdings hat dieser Komfort seinen Preis. Die Eingriffsmöglichkeiten sind stark eingeschränkt. Wer gerne selbst mit Parametern experimentiert oder gezielt Einfluss auf den Geschmack nehmen möchte, stößt schnell an Grenzen. Die nunc. entscheidet – und der Nutzer folgt. Das funktioniert hervorragend, solange man sich auf das System einlässt, kann aber für ambitionierte Kaffeeliebhaber schnell zu einer Einschränkung werden.

MARO Model 1: Kontrolle auf einem neuen Level

Während die nunc. Komplexität reduziert, macht die MARO Model 1 sie bewusst zugänglich. Die Maschine wirkt wie ein Präzisionswerkzeug, das darauf ausgelegt ist, jeden Aspekt der Espressozubereitung kontrollierbar zu machen. Technisch geht die MARO neue Wege. Statt auf klassische Boiler setzt sie mit einem Dickfilmheizer (bei der nunc. sind es sogar zwei) auf ein System, das Wasser nur dann erhitzt, wenn es tatsächlich benötigt wird. Das sorgt nicht nur für eine hohe Energieeffizienz, sondern auch für eine bemerkenswerte Temperaturstabilität. In Kombination mit einer leisen Rotationspumpe entsteht ein Setup, das sowohl präzise als auch alltagstauglich ist.

Besonders spannend bei der Model 1 ist die Möglichkeit, Profile zu speichern und zu teilen. Über eine eigene Plattform können Nutzer ihre Rezepte austauschen und voneinander lernen. Das eröffnet nicht nur neue Möglichkeiten für Experimente, sondern schafft auch eine Community rund um die Maschine. Gleichzeitig zeigt sich hier ein klarer Fokus auf Zukunftssicherheit, da neue Funktionen per Update nachgereicht werden können. Auch bei der nunc. werden Update künftig online aufgespielt und die Community soll mit eingebunden werden. Hier haben wir allerdings noch keine konkreten Informationen vorliegen.

Doch auch die MARO ist nicht frei von Kritik. Die enorme Funktionsvielfalt kann überfordern, und wer sich nicht aktiv mit der Materie auseinandersetzen möchte, wird das Potenzial der Maschine kaum ausschöpfen. Zudem bewegt sich die Model 1 mit knapp um die 5000 Euro preislich in einem Bereich, der für viele Interessenten eine echte Hürde darstellt.

Alltag vs. Perfektion: Zwei völlig unterschiedliche Welten

Im täglichen Einsatz könnten die Unterschiede kaum größer sein. Die nunc. überzeugt durch Geschwindigkeit und Einfachheit. Sie ist schnell einsatzbereit, führt zuverlässig durch den Prozess und liefert konstant gute Ergebnisse. Gerade in Haushalten mit mehreren Nutzern spielt sie ihre Stärken aus, weil sie unabhängig vom Erfahrungsstand funktioniert.

Die MARO Model 1 verlangt mehr Aufmerksamkeit. Jeder Bezug ist eine bewusste Entscheidung, jeder Parameter kann verändert werden. Das macht die Maschine unglaublich vielseitig, aber auch anspruchsvoll. Wer sich darauf einlässt, wird mit einer außergewöhnlichen Kontrolle über den Geschmack belohnt. Wer jedoch nur schnell einen Espresso möchte, wird die Komplexität eher als Hindernis empfinden.

Geschmack und Extraktion: Algorithmus gegen Handwerk

Beim Thema Geschmack zeigt sich die Stärke beider Systeme auf unterschiedliche Weise. Die nunc. liefert beeindruckend konstante Ergebnisse und schafft es, auch ohne tiefes Fachwissen hochwertige Espressi zu produzieren. Die Profile der Bohnen werden sauber herausgearbeitet, und die Reproduzierbarkeit ist ein klarer Pluspunkt.

Die MARO Model 1 geht noch einen Schritt weiter. Durch die präzise Steuerung aller Parameter lassen sich selbst feinste Nuancen herausarbeiten. Besonders bei anspruchsvollen Röstungen zeigt sich, wie viel Potenzial in der Maschine steckt. Hier wird Espresso nicht nur zubereitet, sondern gestaltet. Allerdings muss mit der eigenen Mühle immer wieder der Mahlgrad per Hand eingestellt werden, sodass das klassische „Dial in“ mit dem Verbrauch von Bohnen mit eingeplant werden.

Fazit: Komfort oder Kontrolle? Der Vergleich zwischen der nunc. und der MARO Model 1 ist letztlich weniger ein klassischer Test mit einem klaren Sieger als vielmehr eine Gegenüberstellung zweier Philosophien. Die nunc. steht für einen radikal vereinfachten Zugang zu hochwertigem Espresso und zeigt eindrucksvoll, wie weit Automatisierung inzwischen gehen kann. Sie nimmt dem Nutzer Arbeit ab, reduziert Fehlerquellen und sorgt für konstante Ergebnisse.

Die MARO Model 1 hingegen richtet sich an alle, die genau diese Kontrolle nicht abgeben wollen. Sie ist ein Werkzeug für Enthusiasten, die bereit sind, Zeit und Energie zu investieren, um das Maximum aus ihren Bohnen herauszuholen. Dafür bietet sie Möglichkeiten, die weit über das hinausgehen, was klassische Maschinen leisten.

Für euch bei inn-joy Kaffeewelten lässt sich die Einordnung klar formulieren: Die nunc. ist ein faszinierender Blick in die Zukunft des Heimkaffees, während die MARO Model 1 zeigt, wie weit sich die Kunst der Espressozubereitung heute bereits treiben lässt.

D. Stappen, M. Heiland

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