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Ghost of Tshushima | Review (PS4)

GhostofTsushimaBild2Zum Ende einer jeden Konsolengeneration gibt es eigentlich noch einmal einen richtigen Blockbuster. Doch dieses Jahr, mit der PS5 am Horizont, sind sogar zwei große Exklusivtitel für die PS4 erschienen, die noch einmal auf besonders beeindruckende Weise aufzeigen, wie wunderbar die Zeit mit der Sony-Konsole doch waren und was sie in Sachen Hardware noch zu leisten im Stande ist. Die Rede ist natürlich von „The Last of Us II“ aus dem Hause Naughty Dog und von „Ghost of Tsushima“ von Sucker Punch. Und während erstgenanntes Spiel bereits seit einigen Tagen erhältlich ist und im Netz bei den Fans für ziemliche Furore sorgte, ist das Samurai-Abenteuer von Sucker Punch erst am 17.07.2020 auf den Markt gekommen. Ob es auch hier reichlich Diskussionsbedarf gibt, wie die Erzählweise des allerletzten PS4-Exklusivtitels ausfällt und wie sich „Ghost of Tsushima“ spielt, lest ihr in der folgenden Review. 
Historische Grundlage mit jeder Menge fiktionalem Einschlag
Die Geschichte von „Ghost of Tsushima“ bedient sich der realen Mongoleninvasionen, die unter Dschingis Khan (1162-1227) und seinem Enkel Kublai Khan (1215-1294) das größte Weltreich des Hochmittelalters erschufen. Dabei lehnt sich das Spiel an die Invasionskriege in Japan und auf der namensgebenden Insel Tsushima an. Denn bevor die eigentliche Handlung beginnt, lernen wir bereits den Helden des Spieles, den Samurai Jin, kennen. Es kommt zu einem Großangriff der feindlich-kriegerischen Mongolen, die eine Invasion auf Tsushima starten. Bei dieser Schlacht werden die Samurai, die tapfer gegen die zahlenmäßig weit überlegenden und mit bislang nicht gekannten Kampftaktiken agierenden Mongolen antraten, bis auf wenige Soldaten ermordet. Hier allerdings beginnt bereits die erste fiktionale „Abzweigung“ von der historischen Vorlage. Denn während Jin im Kampf von einer hohen Brücke stürzt und wie durch ein Wunder den Sturz überlebt, wird sein Onkel vom Anführer der Armee gefangen genommen und verschleppt. Also ist es nun an Jin bzw. euch, den Gefangenen wieder aus den Händen der Mongolen zu befreien und die Ehre seines Clans wiederherzustellen. Da Jin dies natürlich nicht alleine schaffen kann, muss er sich auf die Suche nach ehrenwerten Mitstreitern machen, die ihn im Laufe der Kampagne begleiten werden und mit diversen Aufgaben ausstatten, damit sie ihm schlussendlich auch folgen. Darüber hinaus gibt es auch – wie in jedem Open World-Titel – unzählige Nebenmissionen, die ihr optional bewältigen könnt. Was wir bereits in der ersten halben Stunde bemerken (und was auch im Netz und bei den Kollegen der schreibenden Zunft als Manko gewertet wird), ist die Tatsache, dass Sucker Punch keinen allzu großen Wert auf facettenreich ausgestaltete Charaktere legt. Zwar sehen wir anhand von Rückblenden und Gesprächen, dass Jin mit seinen Aufgaben und vor allem dem Ehrencodex der Samurai, niemals einen Gegner aus dem Hinterhalt zu töten, hadert. Doch viel Anbindungspotential an den Samurai gibt es nicht. Auch die Tatsache, dass es hier viel zu viele Stereotypen gibt, und die Gegner sehr eintönig dargestellt werden (und im Bereich der Antagonisten hier extrem wenig Ideenreichtum zum Tragen kommt), trägt nicht zur Identifikation bzw. zum Mitfühlen bei. Man metzelt sich als Spieler einfach durch die Areale, um endlich weiter in der Story zu kommen. Moral und Empathie? Wie so etwas den Spieler betreffen und fordern kann, haben wir gerade bei „The Last of Us II“ um Welten besser gesehen! Interessanterweise fallen die KI-Begleiter da schon facettenreicher und unterhaltsamer aus, sodass wir immer wieder neugierig gemacht wurden, wen Jin auf seiner Reise als nächstes kennenlernen wird. Vor allem Yuna, die erste Begleiterin auf unserer Reise, ist eine beeindruckende Figur. Ihre Familie wird von den Mongolen auf brutalste Weise ermordet. Die Art und Weise, wie sie um sie trauert und auf Rache sinnt, ist absolut intensiv und nachvollziehbar dargestellt worden und überzeugt von der ersten bis zur letzten Minute. Aber auch später folgende Charaktere haben ihre eigene Geschichte, der die Entwickler eine Menge Aufmerksamkeit geschenkt haben. Dadurch, dass mehrere Missionen die Hintergrundstorys der Begleiter ausarbeiten, fühlt man mit und lernt sie immer besser kennen. 
 
GhostofTsushimaBild3Open World im Stile von Ubisoft?
Eine Schwäche von vielen Open World-Spielen ist, dass sie die (ehemalige) Erfolgsformel von Ubisoft-Titeln mal mehr mal weniger stark kopierten. Denn obwohl die offenen Welten des französischen Entwicklers in den meisten Fällen wirklich gelungen waren, so besaßen sie doch allesamt denselben Wust an blinkenden Icons, die über die große Spielwelt verstreut waren und uns als Spieler mit Missionen, zu befreienden Außenposten, zu sammelnden Items uvm. regelrecht erschlugen und uns dies alle regelrecht aufnötigten zu erledigen. Von diesem engen Korsett haben sich die Verantwortlichen bei Sucker Punch jedoch weitgehend befreit. Zwar gibt es auch hier diverse Posten der Mongolen und Anführer, die ausgeschaltet werden sollen und auch einige andere Aspekte sind ähnlich gehalten. Dennoch werden wir nicht plump auf Missionen und Ziele hingewiesen. Stattdessen führt uns ein Feature, welches so bislang in keinem zweiten Open World-Spiel zu sehen war, ans Ziel der entschlackten Open World-Karte. Denn um die Richtung zum Ziel zu finden, nutzt Jin die Natur in Form des Windes. Dieser zeigt euch die Richtung an, in der ihr euch zu Fuß oder auf dem Rücken eures Pferdes begeben müsst. Das Ganze wirkt so organisch und glaubhaft, dass man sich fragt, warum nicht andere Entwickler auch schon früher darauf gekommen sind.
 
Apropos glaubhaft: Dies gilt auch für die Spielwelt. Die Areale sind nicht nur weitläufig, sondern sehr abwechslungsreich und wirken so, wie man sich eine japanische Insel vorstellt: Mit hohem Gras, großen Bäumen, deren Blätter malerisch zu Boden fallen, kleinen Häusern mit Pagoden, Tempeln und Schreinen und malerischen Landschaften mit wunderschönen Panoramen. Mit all dem kann auch „Ghost of Tsushima“ aufwarten. Die Grafik sieht einfach nur toll aus! Geschmälert wird der optisch überwiegend hervorragende Eindruck allerdings durch die Charaktere, die etwas zu wenig Mimikspiel spendiert bekommen haben und insgesamt recht hölzern animiert wurden. Die Animation der Haare sind ein Problem, was leider auch die gesamte Konsolengeneration kaum lösen konnte. Ein wenig schade ist, dass die Dörfer und Banditenlager sich zu ähnlich sehen und es zu wenig architektonische „Wow“-Erlebnisse gibt. Das konnte die „Assassin’s Creed“-Reihe besser. Besser gefielen uns im Test die meist ruhige musikalische Untermalung, die einen unglaublich tollen Klangteppich webt und nur in dramatischen (Kampf-)Szenen hektischer wird sowie die tolle deutsche Synchronisation. Wer mag, der kann auch auf japanische oder englische Sprachausgabe umschalten und das Abenteuer in schwarz-weiß genießen. So bekommt es einen ganz eigenen Stil. Wenn der Protagonist dann auch noch mithilfe seiner Flöte das Wetter verändert, staunt man nur noch, wie gut die Entwickler dies hinbekommen haben. Dagegen wirken dann „normale“ Wasseranimationen eher ein wenig altbacken. Ihr seht also, dass es hier sowohl einige Pro- wie auch Contra-Aspekte gibt. Wir sind schon gespannt, wie die Power der kommenden PS5 vom Spiel ausgenutzt werden wird. 
 
Die Sache mit der Sammelei
Kommen wir nun zu einem weiteren wichtigen Punkt, den sich Sucker Punch ebenfalls von Ubisoft abgeschaut hat: Dem Sammeln von Gegenständen und dem Crafting. Hier sind es in erster Linie Vorräte, Eisen, Blumen, Leder und andere Dinge, die in der Welt verfügbar sind. Mit ihnen verbessert ihr eure Waffen, Rüstungen etc. Auch Händler tauchen hier und dort auf und bieten ihre Waren feil. 
 
Schleich dich oder sei ein Samurai
Im Vorfeld wurde viel darüber diskutiert, ob „Ghost of Tshushima“ sich ähnlich wie „Sekiro: Shadows Die Twice“ spielen würde, da es hier diverse Ähnlichkeiten im Kampfstil gibt. Vorab können wir Entwarnung geben! Denn während ihr in den bisherigen Souls-like Spielen nur einen Schwierigkeitsgrad hattet, könnt ihr „Ghost of Tsushima“ auch auf der Stufe „leicht“ spielen. Darüber hinaus bleibt der Kampf jedoch identisch. Wer will, der kann sich von hinten an Feinde heranpirschen, um sie im richtigen Augenblick rücklings ins Jenseits zu befördern oder beispielsweise auch durch Zeltwände hindurch per Attentat erledigen. Auch mit dem Bogen könnt ihr Gegner lautlos erledigen. Dies ist natürlich nicht dem Kodex der Samurai entsprechend und damit unehrenhaft. Alternativ fordert ihr eure Rivalen frontal zum Kampf heraus oder tretet ihnen ohne direkte Herausforderung entgegen. Dann geht es mit dem Katana gegen gar nicht gepanzerte Einheiten, leicht gepanzerte Schildträger oder die richtig dicken Brocken, von denen es allerdings weniger gibt, als beispielsweise bei den „Dark Souls“-Titeln oder „Sekiro“. Wie bei diesen Spielen, kommt es auch bei „Ghost of Tsushima“ auf das richtige Timing, blocken und ausweichen an. Während ihr normalen Angriffen recht einfach entkommt oder diese mit eurem Katana blockt, müsst ihr Spezialattacken und schweren Angriffen – die durch einen kurz aufleuchtenden roten Punkt an der Waffe des Gegners gekennzeichnet werden – geschickt ausweichen, um danach direkt in den Konter zu gehen. Werdet ihr getroffen, heilt ihr euch (insofern ihr genug „Entschlossenheit“ habt) blitzschnell per Digikreuz-Auswahl nach unten. Taktische Möglichkeiten wie das Ablenken von Gegnern sind natürlich ebenfalls gegeben. Für erledigte Missionen und Aufgaben erhaltet ihr einen verbesserten Ruf und Punkte, die ihr in neuen Fähigkeiten für den offenen und „Geist“-Modus aus dem Hinterhalt in verschiedenen Talentbäumen investiert. Im späteren Spielverlauf kommen noch weitere Waffen hinzu wie der Langbogen oder das Kunai. 
 
Was uns im Test bei den Kämpfen wirklich gestört hat, ist die schlechte Kameraführung. Denn einen Autofokus oder die Möglichkeit, direkt auf Feinde manuell zu schalten, gibt es nicht. So kann es gerade in hektischen Gefechten gegen mehrere Gegner dazu kommen, dass die Übersicht verloren geht und ihr aufgrund der fehlenden Übersicht von einem Gegner, den ihr nicht sehen konntet, getroffen werdet. Einen Pluspunkt verdienen sich die Entwickler hingegen für die meist gut agierende KI, die in den allermeisten Fällen auf der Höhe der Zeit ist. Zwar bekommen beispielsweise auf Wachtürmen in unmittelbarer Nähe stehende Wachen es nicht mit, dass ihr den Kollegen nebenan gerade aus dem Hinterhalt ermordet habt. Dafür rufen andere von sich aus über ein Horn Verstärkung oder verfolgen uns über eine gewisse Distanz. 
 
9Fazit: Mit „Ghost of Tsushima“ verabschieden sich die Entwickler von Sucker Punch mit einer Verneigung vor der PS4 von der aktuellen Konsolen-Generation. Auch wenn der Titel ein paar Macken hat, überzeugt er durch eine glaubwürdige und absolut grandiose Spielwelt, durch tolle Samurai-Kämpfe und abwechslungsreiche Kämpfe. Ein würdevoller letzter Exklusiv-Titel, der noch einmal das Meiste aus der Hardware der PS4 herausholt und uns dennoch schon auf die nahende Konsolengeneration vorfreuen lässt. 
 
Die inn-joy Redaktion vergibt 9 von 10 Punkten.
 
Die inn-joy Redaktion bedankt bei Sony für das zur Verfügung gestellte Rezensionsmuster.
 
M. Plischka
 

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