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Barracoon - Die Geschichte des letzten amerikanischen Sklaven

BarracoonBarraccon, von Spanisch „barracón“, eine Baracke, in der Afrikaner gefangen gehalten wurden, bevor man sie auf Schiffen als Sklaven nach Amerika brachte. Mit dem letzten Sklavenschiff, der „Clotilda“, wurde 1860 der junge Westafrikaner Oluale Kossola nach Amerika verschleppt, wo er den Namen Cudjo Lewis erhielt. 1927 besuchte die bedeutende afroamerikanische Autorin und Anthropologin Zora Neale Hurston über Monate den inzwischen 86jährigen letzten bekannten Überlebenden des Menschenhandels und befragte ihn zu seinem Leben. In eindrücklichen Worten schilderte Cudjo Lewis ihr seine Jugend im heutigen Benin, Gefangennahme und Überfahrt, das Leben als Sklave und dann als Freigelassener und Familienvater in Alabama, die Sehnsucht nach Afrika und die Suche nach einer eigenen Identität. Erst lange nach Zora Neale Hurstons Tod erschien dieser einzigartige Zeitzeugenbericht 2018 erstmals in den USA und wurde dort zum Bestseller.  
 
Rezension: Will man auch nur ansatzweise die in den USA unter Präsident Donald Trump und seiner rassistischen Politik entstandene „Black Lives Matter“-Bewegung, die 2013 ihren Ursprung nach dem Mord an Trayvon Martin und dem Freispruch seines Mörders, George Zimmerman, unter dem Hashtag #BlackLivesMatter fand, verstehen, so muss man tief in die Geschichte eintauchen. Einer Geschichte, in der „People of Colour“ aus ihrer Heimat Afrika von Weißen und Afrikanern gefangen genommen, verschleppt und in der „Neuen Welt“ als Sklaven ausgebeutet wurden. Wenngleich auch diese Epoche nur ein Mosaikstein des großen Ganzen abbildet, so ist sie doch entscheidend für all das, was danach zwischen „Schwarzen“ und „Weißen“ sich ereignete. 
 
Ein Beispiel hierfür ist die Geschichte des ehemaligen und vermutlich letzten Zeitzeugen der Sklaverei in Amerika, Oluale Kossola (Cudjo Lewis), welcher im hohen Alter von 86 Jahren der renommierten Anthropologin Zora Neale Hurston (selbst eine „Farbige“) über rund drei Monate lang Interviews über sein Leben gab. Natürlich muss man hier ganz klar darauf schauen, dass es sich um „oral history“ handelt und dass hier ein 86jähriger Mann von seinen teilweise über 50 Jahre zurückliegenden eigenen Erinnerungen berichtet. Und dennoch ist es ein wichtiges Zeitdokument, das jedoch nicht als solches nur im Raume steht, sondern von Deborah G. Plant kommentiert wird, mit einem umfangreichen Glossar versehen ist und so dem Leser, der mit einer zeitlichen Distanz von über 100 Jahren auf das Leben des ehemaligen Sklaven und Zeitzeugen auf das Interview schaut, eine einzigartige Möglichkeit gibt, das Leben des Mannes in Ansätzen zu verstehen. 
 
Doch was bewegte die damals noch junge Anthropologin Hurston überhaupt dazu, sich mit dem letzten (bekannten) amerikanischen Sklaven zu treffen, um seine Lebensgeschichte zu erfahren? Die Antwort gibt uns direkt im Vorwort Alice Walker (März 2018), indem sie Hurston zitiert: „Ich wüsste gerne, wer du bist“ erklärte sie Kossola, „und wie du ein Sklave wurdest und zu welchem Teil von Afrika du gehörst und wie es dir als Sklave erging und wie du als freier Mann zurechtgekommen bist.“ 
 
Entstanden ist aus diesen Fragen eines der bewegendsten, eindrucksvollsten und zugleich auch erschreckendsten Bücher über das Thema Sklaven in den USA der vergangenen Jahrzehnte. Dabei nimmt die Zeit, in der Kossola sich in Sklaverei befand, einen erstaunlich geringen Teil des Buches ein. Entweder, weil die Autorin seinerzeit mehr dem Leben vor und nach der Sklaverei (immerhin lebte Kossola nach seiner „Befreiung“ noch rund 50 Jahre als „freier“ Mann) widmen wollte, oder aber, weil das, was Kossola in diesen fünfeinhalb Jahren erlebt hatte, für ihn so grausam und prägend war, dass er viele Dinge lieber bei sich behielt. Und so ist das Buch trotz allem weniger ein Buch über die Sklaverei in den Südstaaten der USA, als eine Beschreibung eines Lebens eines Mannes, der nie seine Wurzeln vergessen hat, aber auch niemals wieder – nach seiner Verschleppung in die Vereinigten Staaten – Wurzeln schlagen konnte. 
So erfahren wir, wie Cudjo Lewis nach seiner „Befreiung“ aus dem Sklavendasein langsam wieder versuchte, eine Art von „normalem“ Leben zu erhalten, wie er nach und nach Vertrauen zu den Menschen schaffte, eine Frau kennen und lieben lernte und mit ihr auch eine Familie gründete. Doch auch hier bleibt ihm kein Schicksalsschlag erspart, überlebt er doch sowohl seine Frau als auch seine Tochter, die ihm nur allzu früh entrissen werden. Einsam und allein sehnt er sich nach Afrika, seiner wahren Heimat, die er jedoch nie wiedersehen durfte. Eindrucksvoll schildert die Autorin dabei ihre Erlebnisse mit Kossola, lässt ihn zu Wort kommen und stellt ein Zeitzeugnis vor, dass symbolisch für das Schicksal von Millionen Afrikanern steht. Dabei ist die Sprache nicht immer einfach zu lesen, da die Übersetzung ins Deutsche nah am Original und damit dem Dialekt Kossolas zu bleiben versucht und auch die Eigenheiten übernimmt. Wenn es dann allzu kompliziert wird, werden Kommentare und Erläuterungen eingeflochten. Trotz aller Herausforderungen, die das Buch sowohl sprachlich als auch in Anbetracht von Kossolas Schilderungen mit sich bringt, ist „Barracoon“ absolut empfehlenswert. 
 
Normalerweise würden wir abschließend eine Wertung vorstellen. In Anbetracht dieses Buches verbietet es sich jedoch unserer Ansicht nach, sodass wir an dieser Stelle hierauf verzichten. 
 
Die inn-joy Redaktion bedankt sich beim Penguin Verlag für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.
 
Barracoon: Die Geschichte des letzten amerikanischen Sklaven
Autor(in): Zora Neale Hurston
Verlag: Penguin Verlag (24. Februar 2020)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3328601309
ISBN-13: 978-3328601302
 
L. Zimmermann
 

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